Interview mit Thomas Heinen

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VEGA NOVA:
Herr Heinen, Ihre Gerberei wurde heuer 125 Jahre alt. Die meisten mitteleuropäischen Gerbereien wurden in den letzten 40 Jahren geschlossen, warum hat die Firma Heinen diesen Strukturwandel überlebt?

THOMAS HEINEN:
Die Lederfabrik Heinen produziert seit 1891 Leder für Schuhe. Wir sind in den letzten 125 Jahren nie zwischenzeitlich besser florierenden Lederarten hinterhergelaufen sondern sind immer beim Oberleder geblieben – getreu dem Motto „Schuster bleib bei deinen Leisten“. Das war und ist nicht immer einfach, es ist für uns aber der richtige Weg. Wir haben uns damit immer weiter im Schuhbereich spezialisiert und haben uns an die Bedürfnisse unserer Kunden sehr angepasst. Wir produzieren heute Leder für technisches Schuhwerk mit hohen Anforderungen, wie z.B. Leder für Berg- und Wanderschuhe, Reitstiefel, Feuerwehrstiefel oder Motorradstiefel. Darüber hinaus findet man Heinen Leder in verschiedenen Straßenschuhen für Herren, Damen und Kinder und ganz besonders auch im modischen Bequemschuhsegment wo z.B Loints zu Hause ist. Alle unsere Kunden teilen mit uns die Leidenschaft einen hochwertigen, langlebigen und ökologisch, transparent produzierten Schuh herstellen zu wollen. Wir unterstützen unsere Kunden in diesem Vorhaben und produzieren unter unserem Label „terracare” ökologisch produziertes Leder „Made in Germany”.

VEGA NOVA:
Als Hauptgründe der Auslagerung von Lederproduktion gelten ökonomische und ökologische Faktoren. Sie gelten gerade bezüglich Umweltverträglichkeit als Pionierbetrieb und wurden dafür auch ausgezeichnet. Reagieren Sie auf rechtliche Bestimmungen oder agieren Sie schon vorher?

THOMAS HEINEN:
Natürlich sind die strenger gewordenen Umweltauflagen in den letzten Jahrzehnten immer wieder eine technische und finanzielle Herausforderung für unseren Betrieb gewesen. Aber auch beim Thema Umwelt haben wir konsequent und aus Überzeugung immer versucht, einen Schritt vorauszudenken und nicht nur das Minimum zu erfüllen. So sind heute, wie früher natürlich, die deutschen und europäischen Standards und Gesetze von uns einzuhalten und diese sind unsere Grundlage. Darüber hinaus sind für uns aber die Wünsche und Vorstellungen von verschiedenen NGOs mindestens ebenso wichtig. Greenpeace, zum Beispiel, treibt die Schuh und Textilbranche immer wieder stark voran und setzt regelmäßigneue Anforderungen an Produkte und eingeschränkt einsetzbare Substanzen. Auch wenn wir diese Vorstellungen nicht immer alle sofort technisch umsetzen können, so nehmen wir diese Anforderungen sehr ernst und machen uns an die Arbeit, diese Ziele zeitnah erreichen zu können. Somit, bleiben wir immer ein paar Schritte vor den gesetzlichen Anforderungen. Viele von Greenpeace geforderte Punkte erfüllen wir heute schon unter „terracare”, auch wenn es vom Gesetzgeber nicht vorgeschrieben wird.

VEGA NOVA:
Eine Frage, die Konsumenten und Kunden immer mehr beschäftigt, ist auch, die Herkunft der Häute. Massentierhaltung, weite Transportwege von Lebendtieren und Bilder von brutalen Schlachtungen verunsichern. Was können Sie unseren Kunden bezüglich der Herkunft der Häute sagen?

THOMAS HEINEN:
Die verwendeten Häute stammen ausschließlich von Tieren, die für die Fleisch- oder Milcherzeugung aufgezogen wurden. Die Haut fällt als Nebenprodukt bei der Schlachtung an und wird von uns als Gerberei zu einem Leder veredelt. Würde der Gerber die Haut nicht verwerten, würde der wertvolle und sehr schöne Rohstoff Haut verkommen, oder müsste anderweitig entsorgt werden.
Wir kaufen die Häute ausschließlich in Deutschland und ein wenig in Österreich und Holland ein. Landwirte arbeiten mit regionalen Schlachthöfen zusammen, sodass keine langen Tiertransporte entstehen können, denn auch den Landwirten liegt das Wohl der Tiere am Herzen. Einige der Landwirte, von denen wir unsere Rohware erhalten, sind zertifizierte Biolandwirte und betreiben ihre Höfe im Salzburger Land oder im Chiemgau. Schlachthöfe mit denen wir zusammenarbeiten, arbeiten nach sehr hohen und kontrollierten Standards. Das Tierwohl wird gerade beim Schlachtprozess sehr stark beachtet.

VEGA NOVA:
Als ein Weg aus der Verunsicherung greifen Menschen, die Fleischkonsum ablehnen, auch nicht mehr zu Produkten aus Leder und kaufen stattdessen Produkte der petrochemischen Industrie. Was sagen Sie als Häuteverarbeiter diesen Menschen?

THOMAS HEINEN:
Zunächst einmal respektiere ich natürlich diese Wahl, wobei ich mit dieser Meinung nicht übereinstimme. Die Menschheit, in Gänze und Körper und Geist jedes einzelnen Menschen, konnte sich erst durch die Nahrungsaufnahme aus tierischem Eiweiß zu dem entwickeln, was sie heute ist. Jemand der Fleisch oder tierisches Eiweiß grundsätzlich ablehnt, lehnt für mich damit auch den Level des heutigen Wohlstandes und alles was damit einhergeht, ab. Es ist wichtig, dass der Mensch Respekt vor dem lebenden und toten Tier hat. D.h. zu Lebzeiten muss ein Tier artgerecht gehalten  und damit respektiert werden. Nach dem Tod (Schlachtung) muss alles verwertet und darf nichts verschwendet werden. Dieses Vorgehen ist sowohl beim Landwirt zu Lebzeiten des Tieres gegeben, als auch nach der Schlachtung, bei der alle Teile eines Tieres Verwendung finden. Neben dem Fleisch und der Haut, gibt es z.B. noch Knochen, Fett und Blut, welche in unterschiedlichen Anwendungen zu 100% verwertet werden. Respektlos ist leider häufig erst der Konsument, der ein Stück Fleisch nicht aufisst und wegwirft. Ich war noch auf kaum einem BBQ Abend, wo nachher nichts übrig geblieben ist, was weggeworfen wurde. Hier liegt das eigentliche Problem. Wir müssen bewusster konsumieren, ganz besonders im Lebensmittelbereich. Zu den immer häufiger gekauften Schuhen aus Kunststoffen ist zu sagen, dass es sich bei den Rohstoffen häufig nicht um nachwachsende Stoffe handelt, wie bei Leder, sondern in den meisten Fällen um Erdölbasierte Stoffe. Die gewonnenen Kunststoffe werden dann häufig mit chemischen Produkten behandelt um z.B. einen Nässeschutz zu erreichen. Viele dieser Kunststoffe sind daher ökologisch und toxikologisch negativ zu bewerten. Verschiedene Tests bestätigen dies. Ein nach dem Stand der Technik produziertes Leder ist ökologisch, nachhaltig, langlebig und gut für die Fußhygiene. Der Kauf eines Kunststoffschuhs ist in allen Belangen die schlechtere Alternative. Er verschleißt viel schneller, ist aus nicht nachwachsenden Rohstoffen produziert, enthält häufig bedenkliche Chemikalien und führt meistens zu Schwitzfüßen.

VEGA NOVA:
Können wir hoffen, dass mit der zunehmenden Ökologisierung der Landwirtschaft in Zukunft auch mehr Leder aus kontrolliert biologischer Landwirtschaft am Markt erhältlich sein wird?

THOMAS HEINEN:
Leider ist bis heute die biologische Landwirtschaft eine Randerscheinung. Schuld daran sind wir Verbraucher, die immer wieder nicht die ökologisch produzierte Variante eines Lebensmittels kaufen, sondern uns für die preiswertere Variante entscheiden. Landwirte produzieren das, was der Markt nachfragt. Je mehr Biomilch, Biojoghurt oder Biofleisch der Konsument kauft, desto mehr Landwirte werden Tiere nach den Richtlinien der biologischen Landwirtschaft aufziehen und halten. Am Ende des Tierlebens wird dann die Biohaut automatisch anfallen und einem Gerber geliefert werden.

Thomas Heinen

Thomas Heinen

VEGA NOVA:
Sie produzieren das Leder für einen unserer wichtigsten Partner, die Firma Loints. Das Charakteristika dieser Schuhe sind schöne, offennarbige Naturleder, die meist ungefüttert getragen werden. Gibt es da eine besondere Herausforderung für den Produzenten?

THOMAS HEINEN:
Die für die Firma Loints produzierten Leder, werden in einer relativ hohen Stärke produziert, da häufig kein Lederfutter im Schuh eingesetzt wird. Diese besonders dicken Leder, sind sehr strapazierfähig und langlebig – was wieder besonders ökologisch ist. Die Loints-Leder sind zudem besonders atmungsaktiv, da wir diese Anilinleder auf der Lederoberfläche nur mit Wachs behandeln. Das sorgt beim Tragen für ein sehr angenehmes Fußklima. Darüber hinaus hydrophobieren wir die Leder, damit der Schuhträger bei einem kleinen Regen nicht sofort nasse Füße bekommt. Die Herausforderung in der Produktion besteht darin besonders kräftige Häute durchzufärben, den Ledern eine gute Fülle und Standigkeit zu geben, ohne die Leder hart werden zu lassen. Loints-Schuhe werden zudem aus sehr wenigen Lederteilen gefertigt, was den Einsatz von ganz besonders sauberen Häuten (wenig Kratzer oder optische Beschädigungen) nötig macht.
Jedes einzelne für Loints gefertigte Leder wird übrigens bei uns in Wegberg von Loints selber vor dem Versand kontrolliert. Erst wenn Loints das OK gegeben hat, dürfen wir die Leder an die Schuhfabrik schicken. Der Qualitätsanspruch von Loints ist eben sehr hoch, was man im fertigen Schuh aber auch erkennt.

Besten Dank für das Gespräch!